UNI-Siegen - Arbeitskreis Verkehr

Verhandlungen zum "Semesterticket"
erfolgreich abgeschlossen
Großversuch für Tarifverbund Bus/Bahn

Siegener Hochschulzeitung 2/93

Nach dem jüngsten Allensbacher Monatsbericht (Juni 1993) ist die Hälfte der Bevölkerung der Bundesrepublik mit der Ausgestaltung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in ihrer Kommune unzufrieden. Vor 25 Jahren begann in Nordrhein?Westfalen eine breite Initiative zur Schaffung von Verkehrsgemeinschaften, aus der in unserer Region die VGWS hervorging. Doch innerhalb der VGWS ist ein Verkehrsunternehmen von zentraler Bedeutung, die Deutsche Bundesbahn, bisher ausgeschlossen worden. Obwohl es immer wieder verbale Bekenntnisse zur Schaffung eines einheitlichen Tarifraums für Bus und Bahn auch außerhalb der Verbünde im Ruhrgebiet und im Köln/Bonner Raum gab, wurden diese Versprechen mit dem Ausklingen der ersten Ölkrise schnell wieder vergessen.
Auf einer Verkehrskonferenz der SPD Ende Juni 1993 hat z. B. ein heimischer Landtagsabgeordneter eine Resolution vorgelegt, in der die "Fortsetzung der ÖPNV-Vorrangpolitik" gefordert wurde. Von dieser angeblichen Vorrangpolitik bekamen die Fahrgäste bislang wenig zu spüren. Diese merken nur das auf der Hauptachse Siegen-Kreuztal um fast lß aller Fahrten reduzierte Angebot oder die zweite Fahrpreiserhöhung innerhalb von 12 Monaten, wirksam ab 1. Juli. Dieses alles ist die konsequente Umsetzung eines Kreistagsbeschlusses, der die VWS zu kostendeckendem Betrieb auffordert. Selbst preiswert zu erreichende Verbesserungen, wie z.B. die Markierung neuer Busspuren scheitern immer wieder an der mangelnden Einsicht der PolitikerInnen. Neuestes Beispiel ist die abgelehnte Busspur in Niederschelden. Die jüngsten Pleiten bei der Plazierung von neuen Buswartehäuschen sind noch unvergessen.
Derselbe MdL, der die ÖPNV-Vorrangpolitik fortsetzen wollte, sieht jedoch die einzige Chance zur Verbesserung der Verkehrssituation am Haardter Berg im Bau eines rund 10 Millionen DM teuren Parkhauses, das lediglich 330 neue Stellplätze bieten wird (der Preis erscheint gewaltig, bewegt sich aber im "üblichen Rahmen".
An anderer Stelle müssen die Studierenden sogar als Rechtfertigung für den Bau der umstrittenen A4 herhalten.
Da diese Umstände unerträglich sind, haben die Studierenden deshalb als Selbsthilfemaßnahme das Semesterticket auserkoren. Dieses ist eine Variante des "Job-Tickets", die von der Studierendenschaft für alle immatrikulierten Studierenden abgenommen wird und daher recht günstig angeboten werden kann. Das Vertragsvolumen beträgt in Siegen über 2 Millionen DM im Jahr. Mit dem Semesterticket wird allen Studierenden die Möglichkeit gegeben, ihren Studentenausweis als Fahrausweis für Bus und Bahn in Südwestfalen zu nutzen. Dieses Modell ist an anderen Hochschulstandorten schon seit längerem bewährt und hat stets zu einer umfangreichen Verlagerung vom NUV (motorisierten Individualverkehr) auf die öffentlichen Verkehrsmittel geführt. Unabhängig von der Struktur des Angebots haben sich die studentischen Fahrgastzahlen vom jeweiligen Ausgangsniveau etwa verdoppelt. Der Vertragsunterzeichnung ist auch in Siegen eine Urabstimmung vorausgegangen, in der sich 64% aller abstimmenden Studierenden für die Einführung des 80.- DM teuren Sechsmonatstickets entschieden haben. Der Preis ist allein durch die große Abnahmemenge so günstig, denn über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinaus gibt es keinerlei Zuschüsse zum Siegener Semesterticket.
Die Deutsche Bundesbahn war bisher nur innerhalb der Verkehrsverbünde an Semester-Tickets beteiligt. Ab dem kommenden Wintersemester ist die Bundesbahn jetzt als zusätzlicher Vertragspartner auch in Bielefeld, Paderborn, an der FH Münster und in Siegen vertreten. Diese Studierenden sind bundesweit die ersten Fahrgastgruppen, die sich in Eigeninitiative einen eigenen Verkehrsverbund schaffen. Es ist zu hoffen, dass die PolitikerInnen sich jetzt an ihre uralten Versprechen erinnern und diese, wenn auch mit erheblicher Verspätung, umsetzen. Bevor die Bahn aufs Abstellgleis geschoben wird, sind die Politikerlnnen aufgefordert, dass Nutzerverhalten im Miteinander von Bus und Bahn genau zu beobachten und in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen. Hier in der Region bestehen keine gleichen Chancen für Bus und Bahn. Die Bahn ist schneller, der Bus fährt häufiger. Bis auf wenige Strecken ist der Fahrgast jedoch gezwungen, zwei verschiedene Fahrkarten für beide Verkehrsmittel zu kaufen. Die Studierenden aus dem Raum Hilchenbach mussten z.B. neben der rund 94.- DM teuren Bahnmonatskarte zusätzlich noch 38.- DM für die Fahrkarte vom Weidenauer Bahnhof auf den Haardter Berg bezahlen. Dies schreckte viele eigentlich Umsteigewillige ab. Die Studierenden der Siegener Universität unterliegen diesen Sanktionen nun nicht mehr.
Es ist zu erwarten, dass vom Semesterticket eine bedeutende Signalwirkung für Kommunen, Behörden und Firmen ausgeht, für ihre Beschäftigten ähnliche Vereinbarungen abzuschließen. Die Studierenden der Universität Siegen haben bereits ein deutliches Signal für eine Verbesserung des ÖPNV für alle Menschen in Südwestfalen gesetzt. Mögen noch viele Verbesserungen folgen.

von Thomas Reincke AK-Verkehr Uni-Siegen und Beauftragter des AStA für das Semesterticket

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